Johann Sebastian Bach
Weihnachtsoratorium (1-3), BWV 248

Solisten:
Anna Gann (Sopran)
Dorothea Zimmermann (Alt)
Vincent Lesage (Tenor)
Michael Brieske (Bass)

Bachchor Eisenach
Kurrende der ev.-luth. Kirchgemeinde Eisenach
Le Musiciens du Val (Pierre Weinum)

Musikalische Leitung: KMD Christian Stötzner
Orchester und Chor in der Eglise Saint Charles-Borromée


20:00 Uhr trafen sich dann alle Akteure zu Stellproben, zum Einsingen und Einspielen in der Kirche. Die Stunden zuvor aufgestellten Heizgeräte hatten ihre Arbeit getan, der Innenraum hatte sich auf ca. 10° C „erwärmt“. Vor dem Eingang bildete sich eine Traube wartender Konzertbesucher – für uns ein freudiger Moment!

20:30 Uhr begann das Konzert mit (einem) Paukenschlag. „Jauchzet, frohlocket!“ klang durch die voll besetzte Kirche. Andächtige und zum Teil staunende Gesichter waren im Publikum zu sehen. Ringsum – im Orchester und auch in den Reihen des Chores – strahlende und freudig erregte Menschen. Die 3 Kantaten vergingen für uns wie im Flug. Dann gab es langanhalten­den Beifall, der offensichtlich auf eine Zugabe abzielte und Blumen. Ein ergreifender Moment! Die mitgereisten Kinder der Kurrende waren förmlich „aus dem Häuschen“ und manch Chorsänger hatte wohl Tränen in den Augen.

Foto: R. Kiehne

Empfang im Festsaal des Rathauses

Im großen Festsaal des Rathauses – ein prunkvoller Raum, in dem auch Hochzeiten und andere Feste stattfinden – war für uns alle ein Buffett mit vielen verschiedenen Leckereien und Getränken vorberei­tet. Zur Begrüßung gab’s – wie sollte es anders sein – Champagner aus der Region.

Monsieur le Maire Didier Herbillon (der Bürgermeister der Stadt Sedan) begrüßte alle geladenen Gäste: Persönlichkeiten der Stadt, die Musikerinnen und Musiker des Orchesters Le Musiciens du Val und auch uns, den Eisenacher Bachchor mit der Kurrende. Er bedankte sich bei allen, die zum Gelingen dieses Projektes beigetra­gen haben. Ein Ereignis, das nicht nur ein Ausdruck der Partnerschaft zwischen den beiden Städten Sedan und Eisenach ist, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zur Pflege der deutsch-französischen Freundschaft leistet und darüber hinaus auch von ökumenischer Bedeutung ist. Ein deutscher Chor musiziert zusammen mit einem französischen Orchester in einer katholischen Kirche, die ehemals eine evangelische war, das Werk eines evangelischen Komponisten.

Foto: E. Schall

Die Kathedrale Notre-Dame in Reims

Bevor wir uns auf den Rückweg nach Eisenach aufmachten, stand noch ein Besuch der bedeutenden Stadt Reims auf dem Programm. Vormit­tags ein Bummel durch die Stadt, dann die Besichtigung der Cathedrale Notre-Dame de Reims (eine der architektonisch bedeutendsten gotischen Kirchen Frankreichs und Krönungskirche der französischen Könige). Nach Vorabsprachen durch unseren französisch sprechenden Reiseleiter Dr. Benno Kretzschmar hatten wir die Genehmigung, in der Kathedrale ein 30-minütiges a-capella-Konzert zu singen. Christian Stötzner stimmte die Zuhörer mit einer Choralbearbeitung eines Bach­chorals auf der kleinen Orgel der Kathedrale ein. Wir brachten Choräle aus dem Weihnachtsoratorium zu Gehör, Lieder aus unserem neuen Adventsheft und verabschiedeten uns mit Anton Bruckners „Locus iste“. Noch nie zuvor hatten wir in einer solch großen Kirche gesungen und waren alle sehr berührt und ergriffen – nahezu überwältigt von der Mächtigkeit und dem Klang dieses riesigen Raums, ausgeleuchtet von schwach blauem durch die „Chagall-Fenster“ scheinendes Dezemberlicht.

Foto: T. Müller

WERKEINFÜHRUNG

Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium

Das Weihnachtsoratorium umfasst insgesamt sechs eigenständige Teile. Sie wurden für die Weihnachtsfestzeit zwischen dem 25. Dezember 1734 und dem 6. Januar 1735 geschaffen, und zwar jeweils einen Teil für die damals noch begangenen drei Weihnachtsfeiertage am 25., 26. und 27. Dezember, für den 1. Januar, der nicht als Neujahrstag begangen wurde, sondern nach Lukas 2,21 als Tag der Beschneidung und der Namengebung Jesu. Die fünfte Kantate war für den Sonntag nach Neujahr bestimmt und die letzte für den hohen Feiertag Epiphanias, den 6. Januar. Zu den wenigen erhaltenen Textheften gehört auch das für die Weihnachtskantaten 1734/1735. Am Titel wird deutlich, dass Bach diese Kantaten auch als ein Gesamtwerk verstanden wissen wollte: ORATORIUM, | Welches | Die heilige Weynacht | über | In beyden | Haupt=Kirchen | zu Leipzig | musicirt wurde. | Anno 1734.

Die Arien – auch einbezogen die Duette und Terzette – und ein Teil der Chöre sind fast ausnahmslos sogenannte Parodien, das heißt Neutextierungen zu bereits vorher existierenden Kompositionen. Bach hat drei weltliche Kantaten aus den Jahren 1733 und 1734 verwendet:

  1. „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten“ BWV 214,
    Geburtstagskantate für die sächsische Kurfürstin Maria Josepha am 8. Dezember 1733;
  2. „Lasst uns sorgen, lasst uns wachen“ BWV 213
    zum 11. Geburtstag des sächsischen Prinzen Friedrich am 5. September 1733;
  3. „Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen“ BWV 215,
    Huldigungskantate anlässlich des Besuchs des sächsischen Kurfürsten und Königs von Polen August III. am 5. Oktober 1734 in Leipzig.

Es ist unklar, ob Bach bei diesen Kompositionen schon an eine weitere Verwendung im Weihnachtsoratorium gedacht hat. Parodien, d.h. Übernahme von Kompositionen mit neuer Textierung kommen bei Bach und seinen Zeitgenossen öfter vor. Parodieren heißt aber keineswegs, dass eine Komposition unverändert übernommen wird und lediglich ein anderer Text unterlegt wird. Oft wird die Musik transponiert; gelegentlich erfolgt auch eine andere Instrumentierung. Eigenständig für die Kantaten des Weihnachtsoratoriums wurden von Bach komponiert: der gesamte biblische Text, die Rezitative, die Sinfonia zu Beginn des Teils II, fast alle Choralsätze, die Arie „Schließe mein Herze“ (Teil III: BWV 248, 31) sowie der Eingangschor zu Teil V „Ehre sei dir, Gott, gesungen“. Der biblische Text wird aus dem Lukas- und dem Matthäusevangelium (Lk 2,1-21; Mt 2,1-12) entnommen. Der Textdichter der Rezitative und Arien ist uns leider unbekannt. Als wahrscheinlich wird Christian Friedrich Henrici, genannt Picander, angenommen. Vermutlich hat Bach bei der Textzusammenstellung auch selbst sehr stark eingegriffen.

Trotzdem jeder Teil in sich ein eigenständiges, geschlossenes Werk bildet, erkennen wir insgesamt über dem gesamten Weihnachtsoratorium einen weitgehend symmetrischen Aufbau, also Klammern, die das gesamte Werk umschließen. So wird aus den einzelnen Teilen schließlich ein Gesamtwerk. Auch in den Teilen I bis III wird ein Bogen gespannt, der die Weihnachtsbotschaft deutet: Die Geburt des Sohnes Gottes, des Herrschers, wird gefeiert, wird angekündigt. Die Musik Bachs bringt die königlichen Instrumente: Die Trompeten, und zwar in Teil I im Eingangschor und im Schlusschoral, und auch im Teil III im Eingangs- und Schlusschor.

Ebenso wird die Erniedrigung Gottes durch die Geburt Jesu in einem Stall versinnbildlicht. Somit stehen also die Teile I bis III in einem geschlossenen formalen Zusammenhang: der göttliche Glanz (Teil I und III) strahlt in die Tiefe (Teil II). Die zentrale Aussage ist die Verkündigung der Geburt Jesu im „finstern Stall“:

Im Weihnachtsoratorium personifiziert der Alt die Stimme der Maria. Das ist aber dann auch im übertragenden Sinn zu verstehen: Im gesamten Weihnachtsoratorium wir die Maria gedeutet als das Urbild der glaubenden Kirche. Es wird davon gesprochen, dass der Heiland als Bräutigam von seiner Braut erwartet wird. Dies ist ein altes Bild der Christenheit. Das Bild erscheint paradox: Die Mutter Maria wird zur Braut! Aber damit soll ausgesagt werden: Maria war der erste Mensch, der mit dem Heiland ganz und gar verbunden war und somit stellt sie das Urbild des Glaubens dar. Wir haben durch den Glauben einen Schatz anvertraut bekommen. Die zeitliche Distanz zur biblischen Geschichte wird aufgehoben und das berichtete Geschehnis sinnbildhaft in die Gegenwart des eigenen Lebens versetzt. In allen drei „königlichen“ Teilen -also den Teilen, in denen die Trompeten eine hervorgehobene Rolle spielen -, wo also die göttliche Hoheit des Kindes gepriesen wird, steht in der Mitte ein Choral, der jeweils das „ICH“ enthält: „Wie soll ich dich empfangen?“ – „Ich will ich mit Fleiß bewahren“ – „Ich steh an deiner Krippen hier“. Das bedeutet: Jeder soll und darf diese Geschichte so hören und verstehen, als ob er selbst vor dem Christuskind stünde, um sich wie die Hirten (und die Weisen) mit seinem ganzen Dasein zu ihm zu bekennen.

Quelle (auszugsweise): Wolfgang Robscheit

Solisten:
Teresa Suschke (Sopran)
Annekathrin Laabs (Alt)
Benjamin Glaubitz (Tenor)
Dirk Kleinke (Tenor)
Christian Henneberg (Bariton)
Andreas Jäpel (Bariton)
Ingo Witzke (Bass)

Bachchor Eisenach (Einstudierung Christian Stötzner)
Singakademie Dresden e.V. (Einstudierung Ekkehard Klemm)
Singakademie Cottbus e.V. (Einstudierung Christian Möbius)
Philharmonisches Orchester Cottbus

Musikalische Leitung: Christian Möbius
Kreuzkirche Dresden

Solisten:
Teresa Suschke (Sopran)
Annekathrin Laabs (Alt)
Benjamin Glaubitz (Tenor)
Dirk Kleinke (Tenor)
Christian Henneberg (Bariton)
Andreas Jäpel (Bariton)
Ingo Witzke (Bass)

Bachchor Eisenach (Einstudierung Christian Stötzner)
Singakademie Dresden e.V. (Einstudierung Ekkehard Klemm)
Singakademie Cottbus e.V. (Einstudierung Christian Möbius)
Philharmonisches Orchester Cottbus

Musikalische Leitung: Ekkehard Klemm
Bild Luther in Worms Eisenach

Abschlusskonzert des
1. Eisenacher Bachfestes 2017

Solisten:
Teresa Suschke (Sopran)
Annekathrin Laabs (Alt)
Benjamin Glaubitz (Tenor)
Dirk Kleinke (Tenor)
Christian Henneberg (Bariton)
Andreas Jäpel (Bariton)
Ingo Witzke (Bass)

Bachchor Eisenach (Einstudierung Christian Stötzner)
Singakademie Dresden e.V. (Einstudierung Ekkehard Klemm)
Singakademie Cottbus e.V. (Einstudierung Christian Möbius)
Philharmonisches Orchester Cottbus

Musikalische Leitung: Evan Christ

Ludwig Siegfried Meinardus wird am 17. September 1827 im ostfriesischen Hoogsiel geboren. Im benachbarten Jever aufgewachsen, fördert sein evangelisches Elternhaus ganz im Sinne des kulturprotestantischen Fortschrittsglaubens die musische und literarische Bildung. Ab 1847 nimmt er Kompositionsunterricht u. a. in Leipzig und Berlin. 1853 tritt er eine erste Stelle als Leiter der Singakademie und des Symphonievereins in Glogau an, einem kleinen Ort in Schlesien. Hier heiratet er 1861 Amalie von Conrady, deren pietistische Frömmigkeit zeitlebens großen Einfluss auf Meinardus ausübt. Aus dieser Zeit stammen neben zahlreichen Liedkompositionen auch seine anderen großen Oratorien. Ab 1865 wirkt er u. a. als Privatdozent am Konservatorium in Dresden. Neben dem Komponieren setzt auch eine rege musikschriftstellerische Tätigkeit ein. In seinem 1872 erschienenen Buch „Des einigen Deutschen Reiches Musikzustände“ positioniert er sich im Streit um die „Zukunftsmusik“ gegen Wagner und Liszt. Von 1874 an arbeitet Meinardus als Rezensent beim „Hamburgischen Correspondent“ und verfasst u. a. 1883 eine vielbeachtete Mozart-Biographie. Von Friedrich von Bodelschwingh 1887 nach Bielefeld / Bethel berufen ist die Stellung als Chorleiter an der Zionskirche seine letzte berufliche Station. Meinardus stirbt am 10. Juli 1896 und liegt in Bielefeld begraben. Sein größter Erfolg zu Lebzeiten und über seinen Tod hinaus sollte das Oratorium „Luther in Worms“ bleiben.

Die Entstehung des Oratoriums „Luther in Worms“ op. 36 fällt in die Jahre 1871/72. Dies ist für die deutsche Geschichte eine hochinteressante Zeit. 1871 endete der deutsch-französische Krieg mit der Gründung des Deutschen Reiches und dem Zusammenschluss des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten Bayern, Hessen-Darmstadt, Baden und Württemberg. Nach vielen Jahren der Kleinstaaterei gab es nun einen Kaiser und ein Reich. Allein schon die Verwendung von Begriffen wie „Kaiser“ und „Reich“ – die im Oratorium zahlreich vorkommen – euphorisierte viele und sollte nicht zuletzt eine einheitsstiftende Wirkung auf alle Deutschen haben. Die allgemeine Reichseuphorie konnte allerdings nicht die tief verwurzelten gegensätzlichen geistigen Haltungen zwischen Katholiken und Protestanten überdecken. Beide Seiten hatten in diesen Zeiten ihre Symbolfiguren, von protestantischer Seite war eine dieser Symbolfiguren der Wittenberger Reformator selbst. Ausgehend von dem 1817 gefeierten 300jährigen Jubiläum des Thesenanschlages wurde Luther im 19. Jahrhundert zunehmend zu einem deutschen Nationalheld stilisiert. Die zunehmende Mystifizierung der Person Luthers als nationaler Volksheld drückt sich denn auch in der Errichtung zahlreicher prunkvoller Lutherdenkmäler aus, hier im Vorfeld der Entstehung des Oratoriums insbesondere das 1868 in Worms eingeweihte Lutherdenkmal. Ludwig Meinardus übernimmt nun dieses national verklärte und idealisierende Lutherbild. Als textliche Grundlage dient ihm dazu ein Libretto, das 1867 von Wilhelm Rossmann (1832-1885) verfasst wurde. Rossmann, Sohn eines evangelischen Pfarrers und studierter Theologe und Historiker, hatte sich auf Reformationsgeschichte spezialisiert. Unterstützt von Franz Liszt wurde das Stück im Juni 1874 in der Weimarer Herderkirche uraufgeführt. Für heutige Ohren klingt die verwendete Poesie pathetisch überhöht und zuweilen auch kitschig; und auch die übertrieben nationalen Töne wecken zu Recht Widerspruch. Für damalige Hörer spiegeln Text und Pathos allerdings ein weitgehend selbstverständliches Empfinden wider: Dem äußeren Feind (Frankreich) und den inneren katholischen Widersachern in den Auseinandersetzungen des „Kulturkampfes“ wird mutig die Stirn geboten! All dies macht das Oratorium zu einem interessanten Zeitdokument. Das Erbe der Reformation wirkt weiter und will für jede Epoche stets neu interpretiert und kritisch hinterfragt sein. Und da darf man sich beim Hören dieses zeitgeschichtlichen Werkes dann auch schon mal freuen, dass es heutzutage dank eines ökumenischen Bewusstseins gottlob zwischen den Konfessionen längst nicht mehr so dramatisch zugeht!

Quelle (auszugsweise): Dr. Detlev Prößdorf (http://www.freiheitsraumreformation.de)